o.T., Acedia [1985–1987]

Series of 30 prints [only 4 reproductions available] & 2 large-format triptychs with photographs and text

[…] die Fotografien Christian Wachters […] wurden nun mit dem Namen der Acedia versehen: Als Erklärung des Begriffs findet sich ein, die Trägheit des Herzens oder Acedia betreffendes Zitat aus des Aegidius Albertus „Luzifers Königreich und Seelengejaidt: Oder Narrenhatz“ von 1617

Und nicht nur, weil auf der inhaltlichen Ebene Korrespondenzen zu den barocken Bestimmungen der Melancholie bestehen – so sind auf mehreren Fotos Hunde zu sehen – verleiht diese aktualisierende Betitelung der Arbeit Stringenz, faßt sie doch auf präzise Weise die Eigentümlichkeit der Fotografien wie auch deren Ambivalenz

Die Todsünde der Acedia ist der theologische Begriff für Melancholie: im Blick des Hundes sei deren Kraft nicht geringer als in der Haltung des grübelnden Genius. Dieser ist als melancholischer dem Kreatürlichen verpflichtet, war doch Saturn, dem das Melancholische zugewiesen wurde, nicht nur bösartig und tobsüchtig, in dialektischer Verkehrung wurde ihm als erdfernsten Planeten die Saat, die Kenntnis des dem Menschen Innersten überantwortet

[Trübsinn des Hundes] Trübsinn und irre Ekstase des dem freien Auge sich nicht offenbarenden Augenblicks sedimentieren sich auf den Foto-Bildern. Als gefrorene Anblicke – im Höllenkreis der Acedia herrscht eisige Kälte – von beschatteten Innenräumen privatester Szenarien implizieren die Bilder ein Außen. Das Zögerliche und die Unentschlossenheit, die durch die Melancholie benannt werden, machen die barocke Definition heute aktuell. Trübsinn und Unsinnigkeit des tollen Hundes meinen auch den Verlust eines den Menschen organisierenden Bezugssystems, in dem sich dieser wiederum organisieren, orientieren kann: bedroht in seiner monokularen Sicht der Welt, die ihn ins Zentrum des Systems setzt, fällt er in seine kreatürliche Innenwelt/Weltsicht zurück; sein Blick verliert das Verständnis von Welt

[Monokulare Sicht] Doch: „Die Melancholie verrät die Welt um des Wissens willen. Aber ihre ausdauernde Versunkenheit nimmt die toten Dinge in ihre Kontemplation auf, um sie zu retten,“ schreibt Walter Benjamin

Herta Wolf [Der Standard | Kultur, 10.07.1989]